...An den Gesang eines Engels

"Scheinbar ist die Viola nur eine größere Violine, einfach eine Quint tiefer gestimmt. Tatsächlich aber liegen Welten zwischen den beiden Instrumenten. Durch die hohe E-Saite erhält der Klang der Violine eine Leuchtkraft und metallische Durchdringlichkeit, die der Viola fehlen.
Dafür besitzt die Viola durch die tiefe C-Saite eine eigenartige Herbheit, kompakt, etwas heiser, mit dem Nachgeschmack von Holz, Erde und Gerbsäure."
György Ligeti, Sonate für Viola Solo (1991-94)



1. Satz Hora Lungă: Er evoziert den Geist der rumänischen Volksmusik, die mich in meiner Kindheit in Siebenbürgen, zusammen mit der ungarischen und jener der Zigeuner, stark geprägt hat. Hora lungă bedeutet wörtlich "langsamer Tanz", doch in der rumänischen Tradition ist das kein Tanz, sondern es sind gesungene Volkslieder, nostalgisch und melancholisch, reich ornamentiert. Es gibt eine auffallende Ähnlichkeit zu dem "Cante jondo" in Andalusien und auch zu Volksmusiken im Rajastan. - Dieser Satz wird zur Gänze auf der C-Saite gespielt, ich verwende dabei Natur-Intervalle (reine große Terz, reine kleine Septime, auch den 11. Oberton).

2. Satz Loop: Der Titel bezieht sich auf die Form: melodische Wendungen werden wiederholt, rhythmisch stets variiert und in immer schnellerem Tempo gespielt, ausschließlich Doppelgriffe mit einer leeren Saite. Dadurch wird der Spieler zum waghalsigen Lagenwechsel gezwungen, was im schnellen Teil "gefährliche Virtuosität" erzeugt.

3. Satz Facsar: Das Wort heißt im Ungarischen "ringen oder "verdrehen" und bezieht sich auch auf das ziehende, bittere Gefühl, das man in der Nase spürt, wenn man weinen muss. Es ist ebenfalls ein Doppelgriff-Stück, eine Art gemessener Tanz mit verrückten, verdrehten Modulationen, pseudo-tonal.

4. Satz Presto con sordino: Aus einer gleichmäßigen Perpetuum-mobile-Bewegung schälen sich durch polyrhythmische Akzentuierung und Ausnützen der kontrastierenden Charaktere der einzelnen Saiten allmählich halb versteckte, illusionistische Melodie-Fragmente heraus, etwa im Geiste von Mauritz Escher.

5. Satz Lamento: Strenge Zweistimmigkeit; indirekter Einfluss von verschiedenen ethnischen Kulturen: Ähnliche Sekund-Zweistimmigkeit gibt es auf dem Balkan, an der Elfenbeinküste und in Melanesien.

6. Satz Chaconne chromatique: Man soll keine Anspielung an die berühmte Chaconne von Bach erwarten! Ich benutze das Wort Chaconne im ursprünglichen Sinn: als wilden, ausgelassenen Tanz in stark akzentuiertem Dreivierteltakt und mit ostinater Basslinie.


György Kurtag, Jelek ("Zeichen") für Viola Solo op.5 (1961, rev. 1992)

1 Agitato
2 Giusto
3 Lento
4 Vivo, feroce
5 Adagio
6 Con slancio, risoluto

Johann Sebastian Bach, Suite Nr.5 c-moll (für Violoncello Solo) (ca. 1720)

Prelude
Allemande
Courante
Sarabande
Gavotte I, Gavotte II
Gigue

Bernd Alois Zimmermann, Sonate für Viola Solo (1955)

"Die Bezeichnung "Sonate" ist hier nicht im Sinne der klassischen Sonatenform verstanden. Es handelt sich eher um ein Choralvorspiel. Das Choralthema "Gelobet seist du Jesu Christ" liegt dem Werk zugrunde. Diese selbst ist im Großen in zwölf Abschnitte eingeteilt, die ineinander übergehen und aufs engste struktuell miteinander verbunden sind. Die Pachelbelsche Technik der Vorweg-Imitation wird hier in übertragener Form angewendet. Die einzelnen Abschnitte enthalten nicht nur die rein musikalische sondern auch die textliche Interpretation des Chorals, und zwar im Sinne einer meditierenden Erfassung desselben. So ist also das Eigentümliche der Solosonate in der allmählichen Zuführung und Zusammenschließung des musikalischen Entwicklungsprozesses in die Kontur des Choralthemas zu sehen."

Mitwirkende

SEBASTIAN GOTTSCHICK